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Datum: 14.07.2023

Perfekte Rasenmäher und Insektentaxis

Melanie Brost arbeitet als Schäferin auf dem Mühlheimer Gailenberg

Hinter einem Elektrozaun grast die Schafherde von Melanie Brost (30) unter den Bäumen einer Streuobstwiese. Auf dem Mühlheimer Gailenberg sind die Vierbeiner zurzeit gemeinsam mit ihren Herdenschutzhunden zu Hause. „Jetzt gegen Mittag haben sich alle Tiere in den Schatten zurückgezogen“, sagt die Offenbacherin.

Zwei Mal am Tag ist die Schäferin vor Ort, bringt Wasser und geht den Zaun ab. Für sie sind Schafe und Streuobstwiesen eine ausgezeichnete Kombination – besonders, wenn es ums Mähen geht. „Schafe können das besser als Maschinen“, erklärt sie. Sie kämen überall hin und würden auch nicht zu viel von den Pflanzen wegfuttern. Und weiter: „Schafe fördern die Biodiversität. Wenn etwas mit einem Rasenmäher gemäht wird, kommt die Biomasse weg. Bei Schafen ist es so, dass, die Nährstoffe als natürlicher Dünger über ihren Kot an den Boden wieder abgegeben werden.“ Außerdem – so Brost - helfen Schafe gegen Verbuschung und seien „kleine Taxiunternehmen“. Taxiunternehmen? – Brost erklärt: „Was auf einer Fläche an Insekten lebt - wie etwa Grashüpfer oder Käfer - transportieren sie in ihrer Wolle auf eine andere Fläche.“

Für Rouven Kötter (SPD), den Ersten Beigeordneten des Regionalverbands FrankfurtRheinMain, ist dieser nachhaltige Umgang mit den Streuobstwiesen genau der richtige Ansatz. „Es ist wichtig, dass die Streuobstwiesen möglichst gut gepflegt sind, gerade auch bei solch einem Schmuckstück wie dem Gailenberg. Ich finde es toll, dass sich so viele Seiten für dieses Gebiet einsetzen“, sagt er.

Melanie Brost arbeitet am Gailenberg im Auftrag der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Offenbach. Diese wiederum kooperiert mit den Streuobstfreunden Mühlheim Hanau e.V. (http://streuobstfreunde.com/). Der Verein hat sich Anfang 2023 zur Pflege und zum Schutz der Streuobstwiesen in Mühlheim und Hanau gegründet. Sein Ziel ist, mit Blick auf Umwelt und Landschaftspflege, die Gebiete, darunter der Gailenberg, möglichst extensiv zu bewirtschaften.

Der Gailenberg mit fast mediterranem Kleinklima ist Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten. Die Streuobstwiesen stehen mit dem hier vorkommenden Magerrasen unter gesetzlichem Biotopschutz, auf Hanauer Seite handelt es sich sogar um ein Gebiet nach Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH). Durch die Ansammlung von Flugsand gibt es hier besonders ausgeprägte Sandschichten im Boden. „Hier ist ein gutes Zuhause für viele Arten, die es auf anderen Streuobstwiesen nicht gibt“, erklärt Angelika Carvajal, Schriftführerin der Streuobstfreunde.

Der Verein hat mit dem Regionalverband eine enge Zusammenarbeit vereinbart. Ziel ist es, die Flächen in das digitale Streuobst-Kataster des Regionalverbandes zu übernehmen und zu managen. Noch diesen Sommer sollen Vereinsmitglieder für die Arbeit am Kataster fit gemacht werden. Auch Schulungen zum Streuobstanbau sind angedacht. „Wir werden sicherlich zusammen mit dem Regionalverband noch einiges machen“, freut sich Carvajal.

Bastian Sauer, Regionaler Streuobstbeauftragter des Regionalverbands, ist begeistert von diesem Gedanken: „Die Kooperation ist ein gutes Beispiel, wie Behörden und Ehrenamt sich ergänzen und etwas bewegen können. Das beflügelt bestimmt auch weitere Kommunen und Initiativen, das Streuobst-Kataster zu nutzen.“

Seit diesem Jahr kümmert sich Schäferin Brost um die Flächen in Mühlheim, die schon seit 2009 von Schafen beweidet werden. Sie lässt ihre Tiere auf einer eingezäunten Wiese grasen, bis diese abgemäht ist. Dann kommt die nächste Parzelle dran. Die Streuobstbäume innerhalb des Zaunes sind gegen das Anknabbern durch die Schafe gesichert.

Eigentlich arbeitet Brost in der Personalabteilung der Stadtwerke Offenbach Holding (SOH). Zu ihrem Nebenberuf als Schäferin kam sie durch einen Zufall: 2014 legte sie sich den ersten Herdenschutzhund zu und wollte diesen artgerecht halten. Also musste eine Herde Schafe her. Bei einer Züchterin fand sie das Lämmchen „Elsa“, dass sich ein Bein gebrochen hatte. „Sie sollte eigentlich Hundefutter werden“, erinnert sich Brost. Ihr war klar: „Ich kaufe mir genau dieses Schaf.“

So kehrte sie letztendlich sogar mit drei Tieren zurück nach Hause. Das war der Start ihrer Herde. Heute zählt Brosts ‚Schäferei Mainbogen‘ (https://www.facebook.com/Schafeinoffenbach) 150 Mutterschafe und weibliche Nachkommen. Dazu leben weitere 130 Tiere in Bürgel/Rumpenheim, darunter die Böcke, Ziegen, Rinder, Hühner und Weihnachtsgänse. In der Lammzeit nutzt sie eine Rundbogenhalle auf der dortigen Weidefläche. Inzwischen hat sie Ihren Job bei den Stadtwerken auf 30 Wochenstunden reduziert.

Auf dem Gailenberg ist die Herde sich nicht allein überlassen. Mehrere Herdenschutzhunde passen auf. „Es gibt Fälle, bei denen Schafe geklaut oder entnommen und sogar geschlachtet werden. Und es gibt Leute, die reingehen, um die Tiere zu füttern oder zu streicheln“, erklärt Brost. Sie selbst habe aber wegen der Hunde solche Erfahrungen noch nicht machen müssen und habe bisher auch keine Verluste gehabt, berichtet sie. Brost vermarktet im kleinen Umfang das Fleisch einiger Tiere und lässt die Felle gerben.

Mindestens einmal im Jahr müssen die Schafe geschoren werden. Die geschorene Wolle lässt sie pressen. „Das ist ein hervorragendes Düngemittel und ein perfekter Wasserspender. Eine wirklich sinnvolle Idee, was man mit Wolle machen kann“, sagt sie. Denn die Rohwolle sei in Deutschland sehr schlecht zu vermarkten.

Gut fünf Stunden am Tag ist die Schäferin bei ihren Tieren: „Es würde sich nicht rentieren, wenn ich es nicht gerne täte“, sagt sie. Und es gäbe viele Tierpaten, ihre „Hilfsschäfer“, die sie unterstützen. Zum Beispiel beim Scheren und bei anderen Dingen, die sie nicht alleine erledigen könne, berichtet sie. „Das ist eine andere Arbeit als im Büro“, verrät Brost. Und weiter: „Es ist meine Leidenschaft. Ich war schon immer ein Tierfan.“

Wie gut sie ihre Schafe im Griff hat, zeigt Brost, indem sie kurz „Schafe!“ ruft. Plötzlich werden die Tiere munter, stellen sich um sie herum auf – und folgen ihr auf dem Fuß. Mit dabei die mittlerweile erwachsene „Elsa“, die sie einst vorm Schlachter gerettet hat. „Nur mir gehorchen sie aufs Wort“, sagt sie ein wenig stolz, umringt von ihren wolligen Begleitern.


Weitere Infos:

  • In naher Zukunft können Sie dieses Kleinod ganz einfach finden, indem Sie der Hessischen Apfelwein- und Obstwiesenroute folgen. Diese wird neu ausgeschildert. „Dieser Ort ist mir bei der Bereisung der ehemaligen Routen als Highlight in besonderer Erinnerung geblieben“, merkt Sabine Benneter vom Regionalverband FrankfurtRheinMain an.

  • Der Regionalverband FrankfurtRheinMain unterstützt seine 80 Mitgliedskommunen und lokale Initiativen beim Erhalt der Streuobstwiesen und hat dabei die Rolle des zentralen Akteurs übernommen. Ziel ist es, die vielen Aktiven im Streuobstwiesenschutz zusammenzubringen, diese zu vernetzen und einen regen Austausch zu generieren.

  • Die Streuobst-Börse des Regionalverbands ist eine Plattform zum Suchen und Finden in Sachen Streuobst. Weitere Infos unter www.streuobst-frm.de/sb

  • Seit 2019 bietet der Regionalverband mit dem MainÄppelHaus den Jahres-Zertifikatskurs „Zertifizierter Landschaftsobstbauer“ speziell für seine Verbandskommunen an.

  • Infos zu den Streuobstaktivitäten des Regionalverbandes gibt es unter www.streuobst-frm.de und beim Streuobstbeauftragten des Verbands Bastian Sauer unter sauer@region-frankfurt.de

 

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